Augenzeugenbericht Nacht der langen Messer (1934)

Der folgende Bericht über die Nacht der langen Messer von 1934 wurde von Erich Kempa, Hitlers Chauffeur, gegeben:

„Es ist schon Morgen, als wir am Münchner Flughafen Oberwiesenfeld landen. Während des Fluges hatte es eine leichte Dusche gegeben und das Gras am Flughafen funkelt im Morgenlicht. Als Hitler aus der Maschine springt, melden sich ihm zwei Offiziere der Reichswehr. Er nimmt sie beiseite und gibt ihnen ihre Befehle.

Vor dem Empfangsgebäude warten drei Autos, die per Funk aus der Garage der Reichsparteitagszentrale in München bestellt wurden. Einige alte Freunde Hitlers aus den Anfängen der Partei stehen ihnen bei. Hitler geht zu den Autos und befiehlt, die Motorhauben anzuheben. Ich bin beeindruckt von der Härte seiner Stimme. Sein Gesicht ist noch ernster als während des Fluges. Ich bin schon am Steuer, als er sich neben mich setzt: 'Kempka, wir gehen zuerst zum Innenministerium.'

Hitler setzt sich neben mich und befiehlt: "So schnell wie möglich zu Wiessee!" Es muss um 4.30am gegangen sein, der Himmel hat sich aufgehellt, es ist fast helles Tageslicht. Auf dem Weg zur Arbeit treffen wir Gießkarren und Menschen. Hitler sitzt schweigend neben mir. Hin und wieder höre ich hinten Goebbels und Lutze reden.

Kurz vor Wiessee bricht Hitler plötzlich sein Schweigen: »Kempka«, sagt er, »fahren Sie vorsichtig, wenn wir zum Hotel Hanselbauer kommen. Sie müssen lautlos vorfahren. Wenn Sie einen SA-Wachmann vor dem Hotel sehen, warten Sie nicht, bis er sich bei mir meldet. fahren Sie weiter und halten Sie am Hoteleingang. ' Dann, nach einem Moment tödlichen Schweigens: "Röhm will einen Putsch durchführen."

Ein eisiger Schauer rinnt über meinen Rücken. Ich hätte alles glauben können, aber keinen Coup von Röhm! Ich fahre vorsichtig zum Hoteleingang, wie Hitler es befohlen hatte. Hitler springt aus dem Wagen und hinter ihm Goebbels, Lutze und die Adjutanten. Gleich hinter uns hält ein anderes Auto mit einer Detektivgruppe, die in München aufgewachsen war. Sobald ich das Auto so gedreht habe, dass es in einem Moment fahrbereit ist, rase ich mit meiner Waffe im Anschlag ins Hotel. In der Halle treffe ich Standartenführer Uhl, den Anführer von Röhms Stabswache. Hitlers Chauffeur Schreck bringt ihn mit vorgehaltener Waffe in die Waschküche, die für die nächste Stunde als erstes Gefängnis für die verhafteten SA-Führer dient. Im Vorbeigehen ruft Schreck mir zu: „Schnell! Lauf auf den Boss zu! Er braucht dich! '

Ich laufe schnell die Treppe hoch in den ersten Stock, wo Hitler gerade aus Röhms Schlafzimmer kommt. Zwei Detectives kommen aus dem gegenüberliegenden Raum. Einer von ihnen berichtet an Hitler: "Mein Führer, der Polizeipräsident von Breslau weigert sich, sich anzuziehen!" Hitler nimmt mich nicht zur Kenntnis und betritt den Raum, in dem sich Obergruppenführer Heines aufhält. Ich höre ihn schreien: "Heines, wenn du nicht in fünf Minuten angezogen bist, lasse ich dich sofort erschießen!" Ich ziehe mich ein paar Schritte zurück und ein Polizist flüstert mir zu, dass Heines mit einem 18-jährigen SA-Obertruppführer im Bett gelegen habe. Endlich kommt Heines mit einem 18-jährigen blonden Jungen, der vor sich hackt, aus dem Raum. "Mit ihnen in die Waschküche!" schreit schreck.

Währenddessen kommt Röhm im blauen Anzug und mit einer Zigarre im Mundwinkel aus seinem Zimmer. Hitler starrt ihn an, sagt aber nichts. Zwei Detectives bringen Röhm zum Vorraum des Hotels, wo er sich in einen Sessel wirft und beim Kellner Kaffee bestellt. Ich bleibe etwas abseits im Flur und ein Detektiv erzählt mir von Röhms Verhaftung. Hitler betrat Röhms Schlafzimmer allein mit einer Peitsche in der Hand. Hinter ihm standen zwei Detectives mit Pistolen bereit. Er spuckte die Worte aus: "Röhm, du bist verhaftet." Röhm blickte schläfrig von seinem Kissen auf: Heil, mein Führer. »Sie sind verhaftet«, brüllte Hitler zum zweiten Mal, drehte sich um und verließ den Raum.

Währenddessen wird es oben auf dem Flur ziemlich lebhaft. SA-Führer kommen aus ihren Räumen und werden verhaftet. Hitler ruft jedem zu: "Haben Sie etwas mit Röhms Plänen zu tun?" Natürlich leugnen sie es alle, aber das hilft ihnen nicht im Geringsten. Hitler weiß gewöhnlich über das Individuum Bescheid; gelegentlich stellt er Goebbels oder Lutze eine Frage. Und dann kommt die Entscheidung: "Verhaftet!" Aber es gibt andere, die er gehen lässt. Röhms Arzt, SA Gruppenführer Ketterer, kommt aus einem Raum und zu unserer Überraschung hat er seine Frau bei sich. Ich höre, wie Lutze mit Hitler ein gutes Wort für ihn einbringt. Dann geht Hitler auf ihn zu, begrüßt ihn, gibt seiner Frau die Hand und bittet sie, das Hotel zu verlassen; Es ist kein angenehmer Ort für sie, an diesem Tag zu bleiben.

Wir folgen Hitler in den Hof und hier sagt er Schreck, er solle so schnell wie möglich einen Bus chartern, um die SA-Führer, die in der Waschküche sind, nach München zu bringen. Wie langsam vergehen die Minuten! Immer mehr SA-Führer kommen von außen und werden in die Waschküche gebracht. Ich stehe am Hoteleingang und höre, wie Röhm zum dritten Mal beim Hotelmanager Kaffee bestellt.

Plötzlich kommt ein Auto an! Zuerst dachte ich, es sei der von Schreck gecharterte Bus, aber stattdessen rattert zu meinem Entsetzen ein Lastwagen voll schwer bewaffneter SA-Männer in den Hof. Jetzt wird geschossen, denke ich mir. Ich sehe Brückner mit dem Sturmführer der SA verhandeln. Der Mann scheint sich zu weigern. Er geht rückwärts und versucht, zu seinem Lastwagen zu gelangen. In diesem Moment geht Hitler auf ihn zu: 'Fahr sofort zurück nach München!' er erzählt dem verwirrten Gefährten. "Wenn Sie unterwegs von der SS angehalten werden, müssen Sie sich ohne Widerstand entwaffnen lassen."

Der Sturmführer salutiert und springt in den Lastwagen, und die SA-Männer gehen wieder. Kein Schuss, kein Anzeichen von Widerstand. Röhm sitzt die ganze Zeit ahnungslos da und trinkt seinen dritten Kaffee. Nur ein einziges Wort von ihm und das Ganze hätte anders geklappt.

Jetzt kommt der Bus an, der von Schreck abgeholt wurde. Schnell werden die SA-Führer aus der Waschküche abgeholt und gehen unter Polizeischutz an Röhm vorbei. Röhm schaut traurig von seinem Kaffee auf und winkt ihnen melancholisch zu. Endlich wird auch Röhm vom Hotel geführt. Er geht mit gesenktem Kopf völlig apathisch an Hitler vorbei. Jetzt gibt Hitler den Befehl zu gehen. Ich sitze am Steuer des ersten Autos mit Hitler neben mir und unsere Kolonne, die inzwischen auf etwa zwanzig Autos angewachsen ist, beginnt sich zu bewegen. “